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Die Chronik der Ange de la Mort - Asuran

Als der Mann in ihren Armen zusammenbrach, wurde Isabell von seinem Gewicht zu Boden gerissen. Mit klopfendem Herzen lag sie in ihrem Hausflur unter der dunklen Gestalt begraben, ein paar Sekunden zu perplex, um zu reagieren. Dann überkam sie jedoch Panik, mit hektischem Strampeln schob sie den Körper beiseite und sortierte Arme und Beine, bis sie endlich auf die Füße kam. „Du weißt wohl auch nicht, wann genug ist, was?“, zischte sie verärgert, stieß den leblosen Körper mit einem Schuh an und beugte sich schließlich vorsichtig etwas tiefer. Von seinem Haar bis zu den Stiefeln war er in schwarz gehüllt – wenn man von seinem bleichen, markanten Gesicht einmal absah. Dann stutzte sie plötzlich. An ihm haftete weder der typische Kneipengeruch, noch sah er wie ein Trunkenbold aus. Seiner Kleidung nach zu urteilen konnte er unmöglich einer von den Arbeitern sein, die sonst in diesem Viertel herumstreunten. Ihren eigentlichen Plan, ihn auf die Straße zu schaffen und dort ausnüchtern zu lassen, konnte sie damit getrost vergessen. Wenn das Pack erst einmal von einem edel gekleideten und hilflos in der Gasse liegenden Mann Wind bekam, würde es über ihn herfallen und bis auf die Knochen ausrauben. Ratlos stemmte sie die Hände in die Hüften und sah auf ihn hinab, als er sich leise stöhnend zusammenkrümmte. Sie hatte sich immer dagegen gewehrt, zu einem Teil dieses Viertels zu werden, so rücksichtslos und hart wie die anderen. Dieser Mann brauchte Hilfe, und er würde sie auch bekommen. Egal,...

...wie stark ihre innere Stimme dagegen protestierte.

Der zweite Tag neigte sich dem Ende zu und Isabell war so müde, dass sie immer wieder auf dem unbequemen Holzstuhl einschlief. Am Tage ging sie ihrer Arbeit in einem der herrschaftlichen Häuser am anderen Ende der Stadt nach und die Nächte verbrachte sie damit, sich um den Fremden zu kümmern. Immer wieder berührte sie seine Stirn, auf der kalter Schweiß lag. Wenn er einfach nur krank war, müsste er dann nicht Fieber haben?

Isabell seufzte. Sie griff nach dem feuchten Tuch und fuhr damit über das Gesicht des Fremden, als sein dunkler Wimpernkranz plötzlich zu zucken begann. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, als er sich Stück für Stück an die Oberfläche seines Bewusstseins kämpfte und schließlich langsam die Lider hob. Der Blick aus seinen vor Schmerz und Schwäche noch trüben Augen ließ sie schlucken. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Seine Iris war von einem intensiven Blau, in dem silberne Funken tanzten. Magisch davon angezogen beugte sie sich tiefer, wollte einen genaueren Blick auf diese ungewöhnlichen Augen erhaschen, doch just in dem Moment, schien er die fremde Umgebung zu bemerken. Er fuhr bei Isabells Anblick zusammen und sein Blick huschte orientierungslos durch das Zimmer, das Gesicht vor Anspannung verzogen. Isabell konnte die Verwirrung in dem geheimnisvollen Blau schimmern sehen.

„Ganz ruhig! Ich kann mir vorstellen, dass du keine Ahnung hast, was mit dir passiert ist. Worauf ich mir seit zwei Tagen übrigens auch keinen Reim machen kann.“ Sie beobachtete, wie er einen Arm über die Augen legte und offenbar versuchte, seine Sinne zu sortieren.

„Zwei … Tage?“, brachte er schließlich angestrengt hervor. Seine Stimme war heiser, doch Isabell konnte erahnen, wie warm und samtig sie eigentlich klingen musste.

„Du bist mir vor zwei Tagen in die Arme gesunken und ich habe erst gedacht, du gehörst zu dem Säuferpack aus der Gegend. Aber dann wurde mir klar, dass du Hilfe brauchst und konnte dich nicht so liegen lassen.“ Isabell beugte sich ein Stück vor und wartete, bis er den Arm von seinem Gesicht nahm und sie ansah. „Seitdem warte ich darauf, dir ein paar Fragen stellen zu können. Zum Beispiel, wen ich mir da ins Haus geholt habe.“

Sein verschlossener Blick ruhte lange auf ihr. „Asuran. Ich werde … Asuran genannt“, raunte er schließlich und versuchte, sich aufzurichten, doch seine Arme knickten immer wieder unter ihm ein.

„Asuran“, wiederholte sie leise und wurde erneut von den silbernen Funken in seinen Augen angezogen, musste sie anstarren, bis er fragend die Stirn kraus zog. Verlegen räusperte sie sich. „Ich … ich heiße Isabell. Was hat man denn mit dir angestellt, dass du zwei Tage bewusstlos in meinem Zimmer liegst?“

„Es ist … kompliziert“, stöhnte Asuran mit zusammengebissenen Zähnen. Zwar hatte er sich in eine sitzende Position bringen können, doch nun lehnte er zusammengesunken an der Wand und presste sich einen Arm auf die Brust. „Ich muss … jemanden aufsuchen. Brauche Antworten.“

„Du brauchst wohl eher noch etwas Ruhe.“

Er hob den Kopf und ihr Herz zog sich bei seinem Anblick zusammen. In seinen Augen lag eine Pein, die nichts mit körperlichen Schmerzen zu tun hatte. „Ich muss … gehen. Muss zu … Miranda“, flüsterte er so leise, dass sie sich näher zu ihm beugen musste.

„Miranda? Deine Frau?“, fragte sie, bevor sie über ihre Worte nachdenken konnte.

Er schüttelte den Kopf. „Nein … sie kann … die Chronik lesen.“

Isabell wollte sich am liebsten ohrfeigen. Vor ihr saß ein fremder Mann, der offensichtlich Qualen litt und sie hatte nichts Besseres zu tun, als sich in seine persönlichen Belange einzumischen. Dann erreichte der Rest des Satzes ihren Verstand und ließ sie blinzeln. „In der Chronik lesen? Welche Chronik?“

„Bitte … keine Fragen. Hilf mir hoch!“, keuchte er und machte Anstalten, aufzustehen. Isabell legte ihm Einhalt gebietend die Hand auf die Brust. „Wie stellst du dir das vor? Du kannst ja kaum sitzen.“ Als Asuran widersprechen wollte, presste sie ihn mühelos zurück an die Wand. „Ich mache dir einen besseren Vorschlag. Du ruhst dich diese Nacht noch aus und morgen werde ich dich begleiten, wohin auch immer du dann möchtest. Einverstanden?“

Asuran schien der Gedanke zu missfallen, sie konnte ihm den inneren Kampf an den Augen ablesen. Doch dann siegte seine Vernunft. Er nickte widerwillig. Isabell zog ihre Hand zurück und half ihm, sich zurück auf das Kissen sinken zu lassen. Sein undurchdringlicher Blick folgte ihr, wie sie die Decke über ihm ordnete. Als seine Hand flüchtig ihr Gesicht berührte, sah sie ihn überrascht an. In seinen Augen schimmerte Müdigkeit, aber auch eine Wärme, bei der sie schlucken musste. „Danke“, hauchte er ihr entgegen, dann schloss sich der dunkle Wimpernkranz und er sank in einen tiefen Schlaf.

Isabell hatte gehofft, der Besuch bei Miranda würde einige ihrer Fragen beantworten. Stattdessen waren nur neue dazugekommen. Wie zum Beispiel, was Asuran in einem Haus mit der Aufschrift Mirandas magische Momente wollte. Oder warum sie nicht mit hinein durfte. Seit über einer Stunde war er nun in diesem Laden und sie stand kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. Dieser Mann trieb sie in den Wahnsinn! Er war wortkarg, starrköpfig und misstrauisch – sah verflucht gut aus, hatte den Gang eines Königs und trieb ihr mit einem Blick die Röte ins Gesicht! Isabell, schalt sie sich schließlich wütend, du kennst diesen Mann nicht! Hör auf über ihn nachzudenken! Doch genau das war ihr Problem – sie konnte nicht! Sie war fasziniert von dem Geheimnis, das ihn umgab, gefangen von seiner Präsenz und der atemberaubenden Würde, die er ausstrahlte. Noch nie zuvor hatte sie einen Mann wie Asuran getroffen. Sie sah auf, als er mit düsterer Miene aus dem Haus trat. „Hast du deine Antworten bekommen?“, fragte sie schroff, noch immer verstimmt durch ihren inneren Monolog.

Asuran schaute irritiert zu ihr, was sie mit Genugtuung bemerkte. Dann nickte er langsam. „Ja, das habe ich.“

Isabell wartete noch einige Momente, ob er von allein weiterreden würde – was er selbstverständlich nicht tat – und wollte gerade zu einem Donnerwetter ansetzen, als er leise keuchend einen Arm um seine Brust schlang. Ihre Wut verrauchte und besorgt berührte sie seine Schulter. „Was ist los?“

Er ließ den Kopf hängen und kniff die Lippen zusammen, scheinbar nicht fähig, sich zu bewegen. Es dauerte lange, viel zu lange, bis er sich endlich wieder entspannte und das vor Anstrengung verzerrte Gesicht heben konnte. „Geht schon. Ab und an ist es nur … schwer zu ertragen.“

Isabells Sorge wuchs. „Vielleicht war es doch noch etwas viel für dich. Wir sollten nach Hause gehen.“

Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als er sie anblinzelte. „Nach Hause?“

Sie schmunzelte, wandte sie sich ab und zog ihn mit sich.

„Nun nimm schon deine Hand weg!“ Isabell machte einen weiteren Schritt auf Asuran zu und wollte ihn am Hemd packen, doch erneut wich er vor ihr zurück. Ihre Hand griff ins Leere und sie seufzte ungeduldig. „Bitte, lass mich nachsehen. Ich muss etwas übersehen haben, als ich dich vor zwei Tagen fand. Ich war mir so sicher, dass du keine sichtbaren Verletzungen hast.“

„Ich bin nicht verwundet. Deine Sorge ist unnötig“, entgegnete er ruhig, hielt sich jedoch noch immer die Hand vor die Brust.

„Dann wird es dir ja auch nichts ausmachen, wenn ich mich selber davon überzeuge.“ Abermals machte sie einen Schritt.

„Doch, das tut es.“ Asuran trat zurück, als er plötzlich gegen die Bettumrandung stieß und ins Straucheln kam. Isabell nutzte die Gelegenheit, gab ihm einen kleinen Schubs und er landete auf der Matratze. Um den Sturz abzufangen, riss er beide Hände nach hinten, worauf sie nur gewartet hatte. Flink griff sie an sein Hemd und knöpfte es auf, bevor er sich dagegen wehren konnte. Asuran funkelte sie wegen ihrer Heimtücke dunkel an, gab dann jedoch auf und ließ sie schließlich seufzend gewähren. Isabell presste die Lippen zusammen, als sie keinen Grund für seine Schmerzen entdecken konnte. Sie hatte zwar etwas Mühe, sich in Anbetracht des muskulösen Oberkörpers zu konzentrieren, doch eine Wunde wäre ihr aufgefallen. Flüchtig sah sie in seine geheimnisvoll schimmernden Augen und konnte dann der Versuchung nicht widerstehen. Behutsam strich sie mit einer Hand über die warme Haut, fuhr über seine Bauchmuskeln und genoss das Kribbeln in ihren Fingerspitzen. Asuran zuckte unter der Berührung zusammen, doch sie spürte, dass diesmal keine Schmerzen daran schuld waren.

„Was tust du da?“, fragte er leise und ihr Herz schlug schneller, als sein Atem ihr Gesicht streifte.

„Mich davon überzeugen, dass du nicht verletzt bist.“ Ihre Hand glitt wieder höher und mit einem Finger strich sie über die dünne Linie seines Brustbeins.

„Du hast eine merkwürdige Art, dich zu überzeugen.“ Seine Stimme schien eine Nuance dunkler geworden zu sein.

„Vergib mir, Asuran. Ich erkenne mich mit jeder Minute, die du bei mir bist, weniger. Du bist ein einziges Geheimnis für mich, und doch fühlst du dich vertraut an. Als hätte ich dich schon oft gesehen und könnte mich nur nicht daran erinnern.“ Scheu hob sie das Gesicht und ihr Herzschlag verwandelte sich endgültig in ein wildes Trommeln, als sie seinen sanften Blick auffing.

„Vielleicht hast du das, Isabell. Vielleicht hast du mich schon oft gesehen.“ Langsam hob er einen Arm und berührte zaghaft ihr rotes, langes Haar. „Ich dürfte nicht hier sein und muss zurück, von wo ich gekommen bin, aber mit jeder Minute wird es schwerer. Ich hatte keine Ahnung, was Gefühle sind und konnte für meine Aufgabe auch keine gebrauchen. Doch nun ist alles anders. Ich werde nie mehr der sein, der ich einmal war.“ Sie konnte ihm ansehen, wie zerrissen er war zwischen dem, was er als seine Pflicht ansah und dem, wonach er sich offenkundig sehnte. Isabell wusste nichts über seine Aufgabe, doch der Gedanke, dass er scheinbar lange Zeit keine Gefühle zulassen konnte, schnürte ihr die Kehle zu. Das hatte er nicht verdient. Niemand hatte das.

Ohne darüber nachzudenken, beugte sie sich über ihn, bis ihre Gesichter sich beinahe berührten. Durch ihre Hand konnte sie seinen galoppierenden Herzschlag spüren.

„Ich kann das nicht zulassen, Isabell. Ich kann nur … alleine zurückgehen“, flüsterte er atemlos, seine Lippen verführerisch nah an ihrer Haut. Ihre Augen versanken ineinander und Isabell erkannte die Wahrheit in seinen Worten. Wenn es so sein musste, wollte sie ihm wenigstens ein Geschenk mitgeben. Etwas, an das er sich erinnern konnte. „Vielleicht musst du alleine gehen, Asuran, aber dieser Augenblick gehört uns beiden.“ Er stöhnte auf, als sie die letzte Distanz überwand und ihre Lippen sehnsüchtig auf seine legte.

„Leb wohl, meine Isabell.“

Sie blinzelte, als die geflüsterten Worte ihr Bewusstsein erreichten und schlug bei dem Geräusch der Tür die Augen auf. Isabell hatte gewusst, dass es so kommen würde und trotzdem zerriss es ihr nun das Herz. Die Nacht war wunderschön gewesen. Sie hatten sich geliebt, bis sie erschöpft nebeneinander zusammengebrochen waren. Hatten sich aneinander festgehalten, als könnten sie die Zeit selbst damit zum Stillstand zwingen. Doch sie hatten versagt. Er war gegangen. Für immer.

Sie richtete sich auf, schlang die Decke um ihren Körper und sog seinen Geruch in sich auf, der noch immer den Raum erfüllte. Wie war es möglich, dass er sich nach dieser kurzen Zeit schon so tief in ihr Herz gebrannt hatte? Isabell stand zu ihrem Schwur, seinen Weg zu akzeptieren. Aber nun spürte sie, dass sie für ihr Seelenheil wenigstens wissen musste, wie dieser Weg aussah. Erneut fasste sie einen Entschluss, gegen den ihre innere Stimme vergeblich anflüsterte.

Hastig sprang sie aus dem Bett, schlüpfte in ihre Kleider und eilte im nächsten Moment auch schon durch die finstere Gasse, bis sie auf die offene Straße traf. Ein schwarzer Stofffetzen verschwand in derselben Sekunde um eine Ecke und ohne darüber nachzudenken, rannte sie los.

Es war eine wilde Verfolgungsjagd, bei der sie nicht nur darauf achten musste, unentdeckt zu bleiben, sondern auch Asuran im Auge zu behalten. Er machte es ihr nicht leicht, hastete wie ein dunkler Racheengel durch die verlassenen Straßen und näherte sich mit unglaublicher Präzision seinem Ziel. Einige Male musste sie in Deckung springen, wenn er stehen blieb und sich lauschend umsah. Doch offenbar machte sie ihre Sache gut, denn jedes Mal setzte er nach nur wenigen Sekunden seinen Weg fort, bis er vor einem großen Haus stehen blieb. Einst hatte es gewiss sehr elegant ausgesehen, aber seine glorreichen Zeiten waren vorbei. Nun bröckelte der Putz von der Fassade und einige Fenster waren mit Brettern vernagelt. Der Garten musste seit Jahren sich selbst überlassen worden sein und dem hohen Metallzaun fehlten etliche Schmuckspitzen. Isabells Nackenhaare stellten sich auf, als sie aus ihrem Versteck hinüberspähte. Sie mochte das Gebäude nicht und scheinbar ging es Asuran nicht anders, denn er blieb lange regungslos davor stehen. Dann straffte er die Schultern, trat durch das Tor und verschwand kurz darauf in dem Haus.

Isabells Herz klopfte bis zum Hals, als sie geräuschlos folgte und durch die Eingangstür in den dunklen Flur schlüpfte. Modriger Gestank schlug ihr entgegen, doch es waren die dumpfen Stimmen, die ihr eine Gänsehaut bescherten.

„Du kannst mich nicht dazu zwingen, das Ritual umzukehren!“, keifte eine alte, knorrige Stimme aus dem Zimmer am anderen Ende des Ganges. Lichtfetzen fielen durch die angelehnte Tür und warfen skurrile Schatten an die Wand.

„Wir werden sehen, ob ich das kann.“ Asurans Stimme klang so schneidend und kalt, wie die Klinge eines scharfen Schwertes.

„Du hast Emma das Leben genommen! Du verdienst jede Qual, die dir der Bann bereitet!“ Isabell fuhr bei den Worten zusammen, wusste nicht, worüber sie zuerst verstört sein sollte.

„Emmas Zeit war gekommen und es war meine Aufgabe, sie hinüberzubegleiten.“ Nun war sie vollends verwirrt. Vorsichtig spähte sie durch den schmalen Spalt und riss die Augen auf. An den Wänden, der Decke und sogar am Boden leuchteten rote Symbole und mittendrin stand ein alter Mann, der ein langes, dünnes Messer in seiner Hand hielt.

„Ich bin für ihren Tod nicht verantwortlich. Aber wenn du einen Schuldigen suchst, warum dann nicht bei dir? Du hast mit Mächten experimentiert, die du weder verstehen noch beherrschen konntest und die sich mühelos deinem Einfluss entzogen. Du hast Emma getötet!“

Der Mann heulte auf, stürzte sich blind vor Wut auf Asuran und Isabell musste fassungslos mit ansehen, wie er statt sich zu verteidigen nur die Arme ausbreitete und die Augen schloss.

„NEIN!“ Schreiend stieß sie die Tür auf, doch es war zu spät. Das Messer bohrte sich bis zum Heft in Asurans Brust und durch die Wucht taumelte er einige Schritte zurück. Sein Blick flog zu ihr, trug Entsetzen und Trauer in sich, bevor er in die Knie sank. Isabell zitterte am ganzen Leib, als sie sich neben ihm fallen ließ, ihn in ihre Arme riss.

„Nein, Asuran … was hast du getan!“, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme und wollte das Messer berühren, die Blutung stoppen, die das Leben aus ihm hinausströmen ließ.

„Fass … fass es nicht an, Isabell! Sonst war alles … umsonst!“, stöhnte er und kämpfte darum, die Lider zu heben. „Es … es ist der … einzige Weg.“

„Wie rührend!“, zischte die Stimme des Alten hinter ihnen. „Das Gefühl von Verlust soll dich in den Tod begleiten!“

Isabell warf einen Blick über die Schulter und sah den Mann mit einem Dolch auf sich zukommen. Schützend riss sie einen Arm über ihren Kopf, als Asuran sich plötzlich keuchend unter ihr aufbäumte und sein Körper den qualvollen Kampf verlor. Bevor sie bemerkte, was geschehen war, hörte sie in der gleichen Sekunde ein markerschütterndes, gurgelndes Geräusch. Vorsichtig spähte sie unter ihrem Arm hindurch und erstarrte. Vor ihr stand Asuran, eine Hand am Hals des Alten. Seine Augen glühten vor Zorn und als er losließ glaubte sie, den Verstand zu verlieren. Der Körper des Mannes fiel leblos zu Boden, doch eine durchsichtige Version von ihm huschte in eine Ecke des Raumes, kauerte sich ängstlich zusammen.

„Geliebte, sieh mich an!“ Asurans sanfte Stimme ließ sie zitternd aufsehen. Vor ihr stand der Mann, der vor wenigen Tagen in ihr Leben getreten war, doch schmiegten sich nun lange, schwarze Flügel um ihn. Wie gelähmt warf sie einen Blick auf den leblosen Körper in ihrem Schoß. „Nein, sieh hierher! Sieh mich an, Isabell!“

Ihr war schwindlig, als sie den Blick zu ihm hob. „Was bist du, Asuran?“, flüsterte sie schwach. Ihr Geist stand kurz davor, endgültig zu kapitulieren.

„Ich bin ein Engel des Todes. Dieser Mann konnte den Verlust seiner Frau nicht verwinden und wollte sie mit einen Bann rächen, der mich in einen Menschen verwandelte.“

„Das ist … unmöglich!“, keuchte sie und schlug die Hände vor ihren Mund.

„Isabell.“ Seine Stimme war sanft und warm. „Miranda ist eine der Hüterinnen des Weltgedächtnisses und ein Teil davon ist unsere Chronik. Die Chronik der Ange de la Mort. Durch ihre Hilfe erfuhr ich, wie ich wieder zu einem Todesengel werden konnte. Ich musste durch den Mann, der mich verwandelte, sterben.“

Eine Träne rann ihr über die Wange. „Aber warum, Asuran? Warum konntest du nicht bei mir bleiben? Als Mensch?“

„Weil mich der Bann zu Tode gefoltert hätte, ohne mich zurückzuverwandeln. Ich wäre aus dieser Welt gerissen worden, ohne die andere betreten zu können.“

Ihre Schultern zuckten unkontrolliert, als sie sich ihrer Verzweiflung hingab. Dann sprang sie auf, warf sich Asuran entgegen und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust.

„Was zum …“, entfuhr es ihm, als er instinktiv die Arme um sie schlang. Sie blinzelte durch den Tränenschleier zu ihm auf, sah das Erstaunen in seinen silbrig glänzenden Augen.

„Wir können keinen Sterblichen so nah sein, ohne ihre Seele mitzunehmen. Ich … verstehe das nicht. Du lebst und dennoch kann ich dich berühren!“ Fasziniert strich er über ihr Gesicht, ihre Schultern, als in seinem Blick plötzlich eine Erkenntnis aufblitzte. „Isabell, ich muss nun gehen. Doch egal, was auch passiert … wir werden für immer verbunden sein.“ Seine Hand legte sich kurz auf ihren Bauch und ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Sie folgte seinen Bewegungen, verstand nicht, wovon er sprach, doch sein liebevoller Kuss zerstreute jeden Gedanken.

„Werden wir uns wiedersehen?“, flüsterte sie atemlos, als er sie aus seinen Armen entließ. Kurz bevor er sich mit der Seele des Alten in die Schatten hüllte, hörte sie ein letztes Mal seine samtige Stimme. „Ich bin ein Ange de la Mort, ein Engel des Todes. Ich bin ein Geschöpf der Unendlichkeit, existiere jenseits der Zeit und unterstehe nur dem Tod persönlich. Sollten meinem Herrn die Geschehnisse jedoch entgangen sein, meine Isabell, werden wir uns wiedersehen.“

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© 2010 -Melanie Stone