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Die Chronik der Ange de la Mort

Und dann, als der Tod erkannte, dass es Derer zu viele gab, erschuf er sie. Wesen, geformt nach seinem Willen und Antlitz. Geschaffen, ihm zu dienen und zu helfen jene in die Welt zu begleiten, die er beherrscht. Und so erfüllt das Rascheln ihrer Flügel noch heute die Seelen, deren letzte Stunde naht.
Auszug aus „Die Chronik der Ange de la Mort“

Seit Jahrhunderten beobachtete ich die Menschen, begleitete tausende über die letzte Schwelle ihrer körperlichen Existenz und doch schien es mir, dass sie immer gleich waren. Mochten sie in ihrem Leben Könige oder Bettler gewesen sein,...

...traten sie uns gegenüber, blieb nichts mehr ihres weltlichen Ansehens, nichts mehr ihres Stolzes und nichts mehr ihres Lebens. Denn wir sind die Ange de la Mort, die Engel des Todes, die unter ihren schwarzen Schwingen die Seelen in die Anderswelt begleiten. Wir sind Geschöpfe der Unendlichkeit, existieren jenseits der Zeit und unterstehen nur dem Tod persönlich.Und doch sind wir nicht frei von Sünde.

Es war wieder einmal eine jener Nächte, in denen ich auf einem Kirchendach in Paris stand und auf die kleinen schmucklosen Häuser am Rande der Stadt blickte. Hier lebten jene Menschen, die zu reich waren, um arm zu sein und die zu wenig hatten, um zur Oberschicht zu gehören. Sie gingen ihrer Arbeit in den herrschaftlichen Häusern nach, besaßen kleine schlecht gehende Geschäfte oder Bordelle für jene, die sich die exklusiven rotsamtigen Etablissements nicht leisten konnten. Ihren Gärten fehlten die exakt gezogenen Blumenbeete oder die akkurat geschnittenen Bäume, die sich in den wohlhabenden Vierteln so großer Beliebtheit erfreuten. Der Putz der Häuser war, sofern noch vorhanden, meist so grau wie der Herbsthimmel über Paris. Und doch lebten hier Menschen, die zufrieden mit dem bisschen waren, was sie ihr Eigen nennen konnten.
Der Wind heulte hart über die Zinnen des Kirchturms und trieb die dichten Regenwolken über die Stadt, die den milchigen Mond einhüllten und nichts als schwermütige Dunkelheit hinterließen, die nur durch die spärlich von Kerzenlicht erhellten Fenster durchbrochen wurde. Dort unten wartete sie auf mich, auch wenn sie es nicht wusste, und es war an der Zeit, meine Flügel auszubreiten.

Als ich ihr Haus betrat, umschmeichelte mich ein würziger Duft, der von den unzähligen Kräuterbunden ausging, die überall verteilt hingen oder standen und jeden Winkel in Wohlbehagen tauchten. Die Atmosphäre in dem Haus war bemerkenswert, gerade so, als ob die Luft einen Liebreiz mit sich trug, die jeden Sterblichen sofort trunken vor Wonne gemacht hätte. Und ich musste mir eingestehen, dass selbst ich mich nur schwer diesem Charme entziehen konnte. In mir wurde der Eindruck erweckt, mit diesem Ort vertraut zu sein, was weder möglich war, noch von Bedeutung. Und dennoch zögerte ich einen Moment, bevor ich schließlich weiterging.
Ich konnte sie spüren, bevor ich sie ruhig an einem Fenster sitzen sah, wie sie, die Hände auf dem Schoß gefaltet, in die Nacht blickte. Nur eine Kerze stand neben ihr auf einem groben Holztisch und spendete flackernd Licht, so als ob sie sich nicht die Mühe gemacht hatte den Kamin zu entfachen und das Haus mit Leben füllen zu wollen. Dabei war dieses Haus schon längst von Leben erfüllt – es war getränkt von ihrer schimmernden Präsenz, ihrer Wärme und auch ihres unvorstellbaren Leids.

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